Blamage von Nasomatto und Helder Suffenplan

  

Den größten Fehler, den man in Japan begehen kann, ist es, seinen Mitmenschen zur Last zu fallen oder in ihre Privatsphäre einzudringen: Man redet stets leise und hält sich beim Lachen die Hand vor den Mund. Man zeigt einem umherirrenden Touristen lieber den falschen Weg, als ihm eine Antwort schuldig zu bleiben. Man trägt schon bei den leisesten Anzeichen einer Erkältung eine Atemmaske um demonstrativ seine Mitmenschen vor Ansteckung zu schützen. Und in den bis zum Bersten vollen U-Bahnen gilt als oberstes Gesetz: Man riecht nicht!  

Die Hygiene-versessenen Japaner sind bekannt dafür, dass sie kein oder kaum Parfum tragen. Erst langsam entsteht dort eine kleine Gemeinde von Pionieren, die sich traut, Parfums nicht nur als Statussymbol auf dem Kaminsims zu positionieren, sondern tatsächlich auch zu benutzen. Am ehesten wagt man sich an zarte florale Düfte in kaum wahrnehmbarer Eau de Cologne-Konzentration. 

In dieses Land der makellosen Reinlichkeit gab mir Belle Rebelle nun also ausgerechnet den Duft Blamage mit auf den Weg, die 10. und letzte Kreation des Duft-Renegaden Alessandro Gualtieri für sein Label Nasomatto. Gualtieri ist bekannt für seinen schwarzen Humor, seine lustvollen Grenzüberschreitungen – und für seine beinahe kindliche Freude an allen möglichen tierischen (und auch menschlichen) Körperflüssigkeiten, die er in seinen Kreationen auf magische Art und Weise in Schönheit verwandelt.

 Was würde passieren, wenn ich mit Blamage durch Kyoto, Nara oder Tokyo streife? Würde die Menge zurück weichen und ein Vakuum um mich bilden? Würde ich im Restaurant nur noch den Katzentisch bekommen? Würde ich verhaftet werden? 

 

Blamage von Nasomatto und Helder Suffenplan

 

Erster Einsatzort: der Tairyu Sansou-Garten in Kyoto. Japanischer geht es kaum, denn selbst in Kyoto, der Hauptstadt der Gartenkunst, gilt dieser Garten als Juwel und ist nur wenigen Menschen zugänglich. Nur weil uns unsere Führerin Yukiko – eine studierte Gartenbau-Expertin – als Koryphäen aus dem fernen Deutschland eingeführt hat, dürfen wir dieses Heiligtum betreten. Vor dem Eintreten schärft sie uns nochmals ein, bei spezifischen hortikulturellen Fragen einfach wissend zu nicken oder vielsagend zu lächeln. 

Für mein Empfinden verbindet sich Blamage hervorragend mit dem satten Geruch des uralten Holzes und dem Heu-Duft der Tatami-Matten in dem elegantem Pavillon, in dem wir empfangen werden. Auch die Kirsch- und Pflaumenblüten der delikaten Malereien auf den Schiebetüren finden in den zarten Pfirsich- und Tuberosen-Noten von Blamage ihren Wiederhall. Und die Basis aus Sandelholz, Patchouli und Oud scheint geradezu aus dem traumgleichen Garten herein zu wehen, der täglich von einer Armada von Gärtnern manikürt wird und tatsächlich von atemberaubender Schönheit ist – eine idealisierte japanische Berglandschaft im Kleinen. 

Nach dem wir uns ins Goldene Buch eingetragen haben, kniend den Begrüßungstee genossen einem Gedicht gelauscht haben, spreche ich – ganz erfüllt von dieser Harmonie aus Duft, Architektur und Poesie – unsere Führerin Yukiko höflich an: Ob sie sich für Parfum interessiere und ob sie wahrgenommen habe, dass ich einen besonderen Duft trage und wie er ihr gefällt. Und: Ich wisse ja, dass man in Japan nicht viel Parfum trägt, aber dieser würde doch wohl sehr gut hierher passen? Die Antwort war sehr japanisch, das heißt höflich bis zur Rätselhaftigkeit. Und erst nach mehrmaligen Nachfragen wurde Yukiko konkreter: Ja, Helder-San, das sei ihr bereits aufgefallen, dass ich ein sehr besonderes Parfum trage und ja, ich hätte Recht, dass man in Japan kaum Parfum verwende. Dieses hier sei sehr interessant“ aber für japanische Verhältnisse doch vielleicht ein wenig kräftig und ungewöhnlich. Das Ganze natürlich huldvoll lächelnd und begleitet von angedeuteten Verbeugungen. 

So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein, denke ich während ich durch den Garten wandle und mich darauf konzentriere, das kostbare Moos nicht zu ruinieren. 

 

Blamage von Nasomatto und Helder Suffenplan

 

Vielleicht ist Japan ja doch verloren für die Welt des Parfums, frage ich mich nächsten Morgen im Hotelzimmer und vielleicht sollte ich das Experiment vorzeitig beenden? Was steht heute auf dem Programm? Der kaiserliche Garten der Shugakuin Villa vor den Toren Kyotos! Schon vor Monaten mussten wir Kopien unserer Reisepässe schicken, damit überprüft werden konnte, ob wir womöglich einen Anschlag auf den kaiserlichen Tee-Pavillon oder die unschätzbar wertvollen Koi planen. Seis drum, denke ich: Jetzt erst recht! Es gibt nun wirklich umglamourösere Arten abzutreten, als von der kaiserlichen Garde wegen eines Parfums über den Haufen geschossen zu werden. Vive la Resistance! 

Als wir den Security Check und das Belehrungs-Video ohne Zwischenfälle hinter uns gebracht haben und aus dem Empfangsgebäude treten, bietet sich uns ein atemberaubender Anblick: Im gleißenden Sonnenlicht des kühlen Herbstmorgens liegt vor uns ein Gartenkunstwerk, das sich bis auf die umliegenden Hügel und an die Grenzen des im Tal liegenden Kyoto zu erstrecken scheint. Die japanische Tradition, die umliegende Natur optisch in die Gartengestaltung mit einzubeziehen, erschafft hier ein Einheit aus Natur und Kunst, die bis zum Horizont reicht. 

Die tausend Farbnuancen des Indian Summers, der in Japan Momiji heißt; der aus den Wiesen aufsteigende Morgennebel; das silberne Funkeln der Karpfenteiche; das grazile Teehaus auf einem Hügel, umgeben von Kamelien-Büschen all das ist zauberhaft, magisch, von absurder Schönheit. Dann plötzlich, als ich fasziniert beobachte, wie sich ein zart-gelber Falter auf einem auf dem saftigen Moos liegenden feuerroten Ahornblatt niederlässt (wo kommt der eigentlich her zu dieser Jahreszeit?), tritt Yukiko zu mir und sagt: Helder-San, an diesem Morgen ist Ihr Parfum sehr japanisch lächelt, dreht sich um und geht zurück zu den anderen.

 

Wir danken dir, lieber Helder Suffenplan, für diesen inspirierenden Blog-Eintrag!

Deine BELLE REBELLE

 

http://bellerebelle.de/blamage.html