The Infidels von Agonist & Helder Suffenplan

 

Einatmen. 20.000 Mal. Zwölf Kubikmeter Luft schleusen wir täglich durch unsere Nasen in die Lungen und mit ihnen unzählige Geruchsmoleküle. Doch nur selten sind wir uns bewusst, was wir da aufnehmen. In unserer Rubrik DUFTWOCHE reichen wir Parfumkunstwerke an Freunde von Freunden von Freunde weiter und sind gespannt, wie sie sich dort in einer Woche entwickeln.

HELDER SUFFENPLAN, der Herausgeber des Online Parfum-Magazines SCENTURY, nahm The Infidels von Agonist mit in seine zweite Heimat Singapur und erzählt uns, was er dort gemeinsam mit dem Duft erlebt hat. 

 

The Infidels von Agonist

 

Als ich The Infidels zum ersten Mal testete, fühlte sich der Duft seltsam freundlich und vertraut an. Aber woran genaues mich erinnerte? Das konnte ich beim besten Willen nicht sagen. So war ich besonders gespannt, auf welche "memory lane" mich die Duftwoche wohl führen würde. 

Ich packte also den Flakon in mein Reisegepäck und machte mich auf nach Tegel. Denn wie es sich so traf, stand gerade ein Flug nach Singapur an, das Land, in das ich jeden zweiten Monat reise und das mir inzwischen fast schon zur zweiten Heimat geworden ist. 

In Singapur gibt es angeblich eine Trocken- und eine Regenzeit – leider kann einem niemand genau sagen, wie sie sich unterscheiden und wann die eine aufhört und die andere beginnt. In Wahrheit ist es bei konstant 32°C und 90% Luftfeuchtigkeit ganzjährig verdammt heiß und schwül. Und es regnet einmal am Tag, oder zweimal oder dreimal …

Parfum bewahrt man dort also besser gekühlt auf, wenn es nicht vor der Zeit dem Klima zum Opfer fallen soll. Das hat den wunderbaren Nebeneffekt, dass man sich den eiskalte Flüssigkeit vor dem Kühlschrank stehend direkt auf die Haut sprüht. Eine willkommene Erfrischung, wie man sich vorstellen kann. 

Als ich nun also am ersten Tag die Kühlschranktür wieder schloss und mich auf den Weg nach unten zum Taxi machte, war ich gespannt, was der Tag bringen würde. Wie würde sich er Duft im tropischen Klima entwickeln? Wie würden die empfindlichen asiatischen Nasen reagieren? Hatte ich womöglich zu viel aufgesprüht? 

Als sich die Taxitür hinter mir schloss und wir kaum um die Ecke gebogen sind, schaut der pakistanische Fahrer in den Rückspiegel und sagt: "Nice perfume!" Hoppla, dachte ich, wo ist hier die versteckte Kamera? Aber schon war ich mitten in einer Fachsimpelei über Düfte im Allgemeinen und Parfum-Rohstoffe im Besonderen. Wie schon so oft in meinem Leben, hatte das Thema Duft mich mit wildfremdem Menschen für einige Augenblicke zusammengebracht. Parfum verbindet!

Zwei Tage später: Ich schlendere durch das Viertel an der Lavender Street (Was für ein Name!), einem der Quartiere in Singapur, die – gestern noch verschlafen und unbeachtet – in vielleicht zwei Jahren hipp und unbezahlbar sein werden. Dort kann man in Echtzeit beobachten, wie zwischen Autowerkstätten und Hawker Centren ein cooles Café nach dem anderen eröffnet. Concept Stores und Boutiquen werden bald folgen. Wer auch mal in der Gegend ist, sollte sich im Chye Seng Huat Hardware Café unbedingt einen eisgekühlten Koffein-Kick verschaffen (www.cshhcoffee.com). 

Und er sollte den kleinen buddhistischen Tempel an der Tyrwhitt Street Ecke Beatty Lane besuchen. Hier wird für Westler wie mich auf Schildern auf rührende Art und Weise erklärt, wo man welche Räucherstäbchen postieren soll, wo man seine Opfergaben platzieren muss und wie man das Gebetsrad korrekt dreht, sollte man ein Anliegen haben, das man Buddha oder dem Hausgeist des Tempels vorbringen möchte.

 

 The Infidels von Agonist

 

Als ich an besagtem Tag eben diesen Tempel betrat, nahm ich nicht nur die vielen optischen Eindrücke wahr, das Gold und das leuchtende Rot, den Glitter und Glimmer die Erhabenheit und den Kitsch. Ich nahm auch den Duft der Incense Sticks wahr, den ich schon tausend Mal gerochen hatte, hier und in unzähligen Tempel, die ich in verschiedenen asiatischen Ländern besucht habe. Aber diesmal war etwas anders, der Duft war nicht einfach nur "da". Er erinnerte mich an etwas, und zwar an The Infidels! Und da wurde mir klar, warum mir dieses Parfum von Anfang an vertraut war und es viel mir etwas aus meiner Kindheit ein, dass ich längst vergessen hatte. 

Im Haus meiner Eltern gab es einen großen Schrank, in dessen oberstem Fach der Christbaumschmuck die Krippenfiguren aufbewahrt wurden. Und jedes Jahr, am Morgen des heiligen Abends wurden diese Schätze hervorgeholt um den Baum zu schmücken. 

Dort lag aber noch etwas anderes, das mich als Kind unglaublich faszinierte: Ein Schachtel mit Räucherstäbchen, die Freunde meiner Eltern als Mitbringsel aus Asien mitgebracht hatten. Nicht nur sah die Schachtel unglaublich exotisch aus mit ihrem Japanpapier und der Zeichnung eines blühenden Kirschzweigs, sie verströmte vor allem diesen bezaubernden Geruch! Ungewohnt aber wohlriechend erweckte er verheißungsvolle Bilder von fremdem Ländern und Menschen, von der Freiheit des Reisens und von Abenteuern.

Das Fach schien für mich als Kind unerreichbar hoch. Und dennoch erklomm ich regelmäßig einen Stuhl um das Fach zu öffnen, die Schachtel zu bewundern und mich in ihren Wohlgeruch zu versenken. 

Jahrzehnte später stehe ich also in einem kleinen Tempel in Singapur und denke an ein Schrankfach in der Voreifel, an Christbaumschmuck und an das Fernweh eines Kindes. Es ist seltsam und wunderbar, wie das Leben so spielt und wie sich Kreise schließen. Es gibt viele wunderbare Geschichten in Depot unserer Erinnerung und ein Duft kann sie wieder zum Leben erwecken, in den überraschendsten Momenten. Das ist einer der Gründe, warum mich Parfum so fasziniert und warum ich froh bin, mich damit beschäftigen zu dürfen.